Wagen Nr. 990-210
Geschichte, Technische Daten
- gebaut 1914 in der Waggonfabrik Wismar
- Besteller: Mecklenburgische-Friedrich-Franz-Eisenbahn für die Strecke Doberan - Kühlungsborn
- ursprüngliche Nummer: 52, später 9052, ab ca. 1950 heutige Bezeichnung: 990-210
- 10,710 m lang, 4 Achsen in 2 Drehgestellen
- 2 offene Einstiegsplattformen mit Fallgittern
- 30 Sitzplätze
- Dampfheizung, elektrische Beleuchtung (Stromversorgung von der Lok)
- ursprünglich: hölzerner Wagenkasten mit Blechverkleidung, typische Fallfenster mit Lederriemen, geknüpfte Gepäcknetze, Holzdach mit Dachoberlichtfenstern, Speichenradsätze, III. Klasse mit Holzlattensitzen, 2 Abteile Nichtraucher / Raucher, Mittelwand mit Schiebetür, bis 1930 Gasbeleuchtung
- in den 60er Jahren: Einbau von Hartpolstersitzen bezogen mit grünem Kunstleder, Aluminium-Gepäckraufen, Verkleidung der Dachoberlichtfenster mit Blechen oder Demontage des gesamten Oberlichtkastens
- bis Ende 1980 im oben genannten Zustand im regulären Zugdienst im Einsatz
- 10/1980 grundlegende Rekonstuktion durch die DR (s.u.)
- 7/1999 Umbau auf Rollenachslager
Sonderling mit 5 Fenstern
1910 und 1914 wurde jeweils ein kürzerer Sitzwagen mit nur 5 Seitenfenstern und einer Länge von rund 10,7 m gebaut. Beide Fahrzeuge waren zunächst für die II. Wagenklasse eingerichtet und hatten auch 2 Abteile mit einer dazwischenliegenden Schiebetür. Die Sitzplatzzahl betrug hier 30 gegenüber sonst üblichen 36 Plätzen. Während das 1910 gebaute Fahrzeug mit Diamond-Drehgestellen ausgerüstet war, hatte der Wagen 52 von 1914 bereits die Kastendrehgestelle. Vermutlich aus diesem Grund wurde der Wagen 51 ca. 1933 ausgemustert. Wagen 52 (heute 990-210) blieb bis heute erhalten, war aber bereits 1932 als III. Klasse-Wagen im Dienst und wurde 1980 rekonstruiert.
Im Zuge der Generalreparatur durch die MBB Molli wurde in dieses Fahrzeug keine Mittelwand wieder eingebaut.
Er ist als einziger 5-fenstriger Molli-Wagen ein Sonderling im Fahrzeugpark.
Modernisierung unumgänglich, das Reko-Programm der Deutschen Reichsbahn
Ab August 1980 wurden die Wagen des Molli in der damaligen Werkabteilung Perleberg des RAW Wittenberge modernisiert. Dabei wurden die alten hölzernen Wagenkästen mit den Fallfenstern komplett abgerissen. Erhalten blieb vom ursprünglichen Wagen vom Prinzip nur noch das Fahrwerk, anfangs auch noch das Holzdach, jedoch ohne den Oberlichtkasten. Es wurde eine neue Karosserie aus Stahlträgern und -blechen aufgebaut. Als Fenster kamen nun Thermoscheiben mit Gummiprofilen zum Einbau, im oberen Teil konnte nur noch ein kleines Klappfenster geöffnet werden. Auch die gesamte Inneneinrichtung wurde erneuert, sie war danach zwar wartungsfreundlich aber spartanisch anzusehen: Sitzbänke aus Stahlrohrgestellen mit kunstlederbezogenen Schaumstoff-Sitzflächen, Wandverkleidungen aus Sprelacard-Platten. Die Mittelwand mit der Schiebetür entfiel vollständig, wodurch ein recht ungemütlicher Großraum entstand. Die Stirnwandtüren bestanden jetzt aus Aluminium. Die Messinglampen wurden gegen DR-Standard-Leuchten ausgetauscht. Die Heizungen waren mit einfachen abgekanteten Blechen verkleidet. Die allerersten Wagen hatten zunächst noch die ursprünglichen Bühnenfallgitter mit den Kugelrastverschlüssen. Später ersetzte man diese durch die heutigen einfachen Fallbügel.
Diese Rekonstruktion der Wagen war unumgänglich, um die sehr alten und stark verschlissenen Fahrzeuge auch zukünftig wirtschaftlich und sicher einsetzen zu können. Die Beschaffung von Neubauwagen aus bulgarischer Produktion hatte die DR vermutlich aus Kostengründen nicht realisiert.
Ab 1990 wurden dann auch die Fahrwerke einer Modernisierung unterzogen. Man ersetzte die Speichenradsätze durch Neubauten mit Scheibenrädern. Zugleich wurden wartungsfreie Rollenachslager eingebaut, womit das häufige nachölen der Lager entfallen konnte. Allerdings wurde diese Maßnahme nicht konsequent umgesetzt, vermutlich waren nicht ausreichend Teile zum Umbau verfügbar oder die Finanzen wurden nicht genehmigt. So waren 1995 erst etwa 50% der Wagen mit Rollenlagern ausgerüstet.
Rekowagen dieser einheitlichen Bauform gehörten bald auf allen Schmalspurstrecken der DR zum täglichen Bild. An die alte Zeit erinnerten dann nur noch einige wenige erhalten gebliebene historische Wagen.
Umgestaltung bei der MBB Molli, Erlebniswert ist gefragt!
Zum Zeitpunkt der Privatisierung des Molli waren die ersten Reko-Wagen immerhin bereits 15 Jahre im Einsatz. Besonders die Inneneinrichtung wirkte abgewirtschaftet und verschlissen. Für eine Bahn die als touristische Attraktion von ihrem hohen Erlebniswert lebt, war dieses Interieur dem Fahrgast kaum zuzumuten, zumal der Fahrpreis auch höher ist als im Nahverkehrstriebwagen oder Bus. So wurde ein Konzept entwickelt, um im Zuge der planmäßig auszuführenden Hauptuntersuchungen der Fahrzeuge eine umfassende Neugestaltung des Fahrgastraumes vornehmen zu lassen. Aus Kostengründen kam ein Rückbau in den Ursprungszustand der Fahrzeuge nicht in Betracht, es wurden jedoch gestalterische Anleihen genommen. Da auch die Karosserien, hierbei insbesondere die Außenlackierung, die Dachbeläge, die Heizung und die E-Anlage umfangreicher Arbeiten bedurften und die verbliebenen 50% der Fahrzeuge ihre neuen Radsätze mit Rollenlagern erhalten sollten, ergab sich ein umfangreiches Investitionsprogramm, was zwischen 1998 und 2003 an 25 Sitzwagen durchgeführt wurde. Dabei wurden folgende Arbeiten ausgeführt:
Karosserie kpl. sandgestrahlt, Neulackierung 3 farbig mit schwarzen Zierlinien ähnlich der früheren Farbgebung der Altbauwagen;
Holzdächer mit Kunststoffschweißbahnen neu eingedeckt;
Rahmen, Drehgestelle, Bremse, Zug- und Stoßeinrichtung, Fenster und Schiebetüren kpl. aufgearbeitet;
Austausch aller Speichenradsätze und Gleitachslager durch neue Scheibenradsätze mit Rollenachslagern;
E-Anlage und Wandisolierung kpl. erneuert;
Heizung aufgearbeitet, neue Heizungsverkleidungen (oben abgeschrägt) angebracht;
neue Innenwandverkleidungen aus Kunststoffplatten mit Holzdekor sowie eine Mittelwand ohne Schiebetür eingebaut;
Deckenverkleidung aus Holzleisten;
Sitze mit weinrotem Kunstleder neu bezogen, Sitzgestelle schwarz lackiert;
neue Deckenlampen eingebaut: Nachbau historischer Messinglampen;
Einbau robuster Abfallbehälter mit stabiler Befestigung;
Gepäckraufen, Fensterrahmen und Türen innen in oxidrot lackiert;
neuer Fußbodenbelag verlegt;
Einbau von Leistenrahmen für Plakate.
Nach dieser grundlegenden Sanierung zeigen sich die Wagen heute in einem attraktiven und angenehmen Ambiente. Durch die warmen Farben, das Holzdekor und die Mittelwand entsteht eine gewisse Gemütlichkeit, die bei den Fahrgästen sehr gut ankommt. Durch die regelmäßige Pflege in der Waschanlage sehen die Wagen auch von außen stets sehr schmuck aus.
Bilder des Wagens:
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Die Seitenansicht zeigt, der Abstand zwischen den nur 5 vorhandenen Seitenfenstern ist etwas größer als bei den 6-fenstrigen Wagen |
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Bis zur HU im Jahre 2007 hatte der Wagen noch rot/elfenbeinfarbene Stirnwände, die sich jedoch als unzweckmäßig erwiesen |
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Innenansicht des Wagens 990-210 |
Fotos von der grundlegenden Aufarbeitung der Wagen:
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Im Ausbesserungswerk VIS Halberstadt warten 2 Molli-Wagen und 2 Wagen der RüKB auf den Beginn der Arbeiten |
Rückblick:
Fotos vor der Umgestaltung der Wagen durch die MBB Molli
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So präsentierten sich die Wagen vor der Umgestaltung und Generalreparatur durch die MBB Molli: verschlissen und im allgegenwärtigen Grün-Farbton |
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Ein Molli-Wagen mit Holzdach im Zustand 1995: ohne schwarze Zierlinien, technische Anschriften unten auf der Seitenwand |
Historische Fotos des Wagens
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Wagen 990-210 Ende der 70er Jahre. Das Oberlichtdach ist inzwischen entfernt worden. |
Alle Fotos dieser Seite, soweit nicht anders benannt
von Jan Methling (MBB Molli).
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